Zwei Mediziner stehen sich gegeüber und im Hintergrund eine weitere Medizinerin mittig guckt in die Kamera.

Die Pflegebranche ist wohl die einzige, in der die Zeitarbeit beliebt ist. In jeder anderen Branche ist diese für die Arbeitnehmer oft die letzte Möglichkeit vor der Arbeitslosigkeit. Doch was macht die Zeitarbeit in der Pflege so besonders? Schadet sie unserem Gesundheitssystem oder ist sie ein rettender Anker für Pflegekräfte und Arbeitgeber, um nicht an dem großen Berg „Pflegenotstand“ zu zerschellen?

Zeitarbeit wird immer beliebter

Seit 2013 ist die Zahl der Zeitarbeitskräfte stetig gestiegen. So waren es im Jahr 2013 noch 14.131 beschäftigte Pflegekräfte in der Zeitarbeit und im Jahr 2019 sogar 22.443. Lediglich zwischen 2018 und 2019 gab es einen leichten Rückgang von 0,1%.

 

Diese Zahlen klingen so erst mal viel, sind jedoch gering im Vergleich zu der Gesamtzahl der beschäftigten Pflegekräfte. Im März 2019 waren von insgesamt 1.650.656 in der Pflege beschäftigten gerade einmal 19.632 Arbeitnehmer über ein Zeitarbeitsunternehmen im Einsatz. Dies macht gerade einmal 1,19% aus.

Doch was genau treibt immer mehr Pflegekräfte in die Zeitarbeit?

Im Grunde gibt es dafür einen großen Überbegriff: Mehr Wertschätzung!
Pflegekräfte in der Zeitarbeit erfreuen sich über deutlich höhere Wertschätzung durch ihre Arbeitgeber. Nach einer Umfrage der Pflegekammer Niedersachsen liegen die Schwerpunkte für einen Wechsel hauptsächlich bei der deutlich höheren Vergütung (54,5%) selbstbestimmte und flexible Arbeitszeiten (50,9%) sowie das Vermeiden vom permanenten Einspringen (46,8%). Dazu kommt jedoch auch ein großer Teil an Pflegekräften, welche sich an keine feste Einrichtung binden wollen.

Belastbarkeit ist ein Muss

Natürlich gibt es nicht nur Vorteile für Pflegekräfte in der Zeitarbeit. Auch die negativen Aspekte dürfen nicht außeracht gelassen werden.

Pflegekräfte, welche sich für die Zeitarbeit entscheiden möchten, müssen ein hohes Maß an Flexibilität, Eigenverantwortung sowie physische und psychische Belastbarkeit mitbringen.

Im Normalfall dauern Einsätze zwar Minimum einen vollen Monat (Standard sind im Schnitt drei Monate und länger) aber es kann durchaus vorkommen, dass ein Einsatz spontan abgebrochen wird oder von vornherein nur für ein paar Tage geplant ist. Dementsprechend müssen sich die Pflegekräfte immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen können.

Pflegekräfte haben aber ein gewisses Maß an Mitspracherecht, wenn es um ihren Einsatzort geht und können unter anderem unzumutbare Einsätze abbrechen und sich in eine neue Einrichtung „versetzen“ lassen. Dies können sie aber natürlich nicht allzu oft tun. Das bedeutet, dass Pflegekräfte in der Zeitarbeit insoweit belastbar sein müssen, dass sie auch in schwierigeren Einrichtungen gut klarkommen.

Welche Vor- und Nachteile gibt es für die Einrichtungen?

Der größte Vorteil für Arbeitgeber ist die spontane und flexible Dienstplangestaltung, sollte sich zum Beispiel ein oder mehrere festangestellte Pflegekräfte krankmelden und es gibt keinen Ersatz. Einrichtungen, welche öfter auf Zeitarbeitskräfte angewiesen sind, haben sich auch eine gewisse Anzahl an Stammzeitarbeiter aufgebaut, welche die Einrichtung kennen und keine bzw. kaum Einarbeitung benötigen.

Diese Flexibilität hat jedoch einen stolzen Preis. Die Pflegekräfte in Zeitarbeit selber verdienen zwischen 18€/h bis hin zu 35€/h. Dazu kommt noch der Aufschlag der Zeitarbeitsfirmen selber, wodurch ein Stundenpreis pro Pflegekraft von 50€/h und mehr völliger Standard sind.

 

Auch für die Zupflegenden ist der ständige Wechsel an Pflegekräften zweifellos nicht immer von Vorteil. Sofern die Einrichtungen keine Stammzeitarbeiter haben, müssen sich auch die Zupflegenden immer wieder auf neues Personal einstellen und umgekehrt.

Auf der anderen Seite kann der Blick von außen durch neues Personal auch neue Möglichkeiten aufdecken und für Zupflegenden von Vorteil sein.

Verbot für Zeitarbeit in der Pflege?

Die Meinungen über die Zeitarbeit in der Pflege gehen weit auseinander. Anfang 2020 hat Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) die Debatte über die Zeitarbeit in der Pflege auf ein neuen Höchststand gebracht, indem sie ein Verbot in dem Pflegesektor einführen wollte. Mitte 2020 hat sich ebenso die AWO Brandenburg für ein Verbot oder zumindest die Regulierung der Zeitarbeit in der Pflege ausgesprochen.

Doch macht so ein Verbot Sinn?

Eher nicht. Selbst wenn die Zeitarbeit in der Pflege verboten werden würde, würden lange nicht alle Pflegekräfte aus diesem Bereich wieder in eine Festanstellung wechseln. Eher im Gegenteil. Die Stimmen der betroffenen Pflegekräfte wurden letztlich immer lauter, dass sie eher den sogenannten „Pflexit“ (Exit aus der Pflege) anstreben würden, bevor sie sich wieder festanstellen lassen.

Dementsprechend würde der Pflegenotstand durch ein Verbot eher noch verschlimmert.

Zudem würden dieser geringe Prozentsatz an Pflegekräften keinen großen Unterschied machen. Die Zeitarbeit ist nicht schuld an dem immer gravierenderen Pflegenotstand, sondern ein Symptom dessen.

Fazit

Solange die Politik und die Verantwortlichen in der Pflegebranche nichts an den gravierenden Missständen in der Pflege ändern, wird die Zeitarbeit in der Pflege nicht nur wichtig, sondern auch immer weiterwachsen.

Sollten sich eines Tages tatsächlich die Umstände in der Pflegebranche gravierend verbessern, würde sich höchstwahrscheinlich auch die Zeitarbeit in der Pflege zumindest zum Teil zurückregulieren.

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