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Pflegenotstand, Personalmangel, überarbeitete Pflegekräfte. All diese und ähnliche Begriffe kreisen durch alle Arten von Medien. Gerade jetzt, zur Coronazeit wird jeder Pflegekraft schmerzlich bewusst, wie viel an allen Ecken und Enden fehlt, um gute Pflege zu leisten.
Es wird so viel darüber gesprochen, was alles verändert werden soll, wie viele neue Pflegeplätze geschaffen werden sollen. Aber woher die Pflegekräfte für diese neu geschaffenen Arbeitsplätze nehmen?
Die Pflegekräfte, die sich jetzt schon Arm und Bein für ihre Patienten und Bewohner ausreißen, sollten erst einmal anständig honoriert werden. Und ich spreche hier nicht von einer Bonuszahlung oder Klatschen auf dem Balkon.

Es fehlt so lange das Interesse, bis selber Pflege benötigt wird

Aber woran liegt es, dass es immer weniger Menschen gibt, die sich für einen Pflegeberuf entscheiden? Oder woran liegt es, dass die Pflege hier in Deutschland generell so wenig angesehen wird?
Jeder Mensch wird einmal in die Situation kommen, in der er einen von uns braucht. Eine Kinderkrankenpflegekraft für das eigene Kind, eine Altenpflegekraft für die eigenen Eltern oder eine Krankenpflegekraft für einen selbst.
Trotzdem wird nichts dafür getan, um die Pflegebedingungen zu besser, damit wir jeden Menschen so gut wie nur möglich Pflegen können.
Jedem sollte bewusst werden, was es bedeutet, eine Pflegekraft zu sein oder was es bedeutet, jeden Tag andere Menschen zu pflegen.
Die meisten Menschen haben eine komplett falsche Vorstellung, was eine Pflegekraft in ihrem Job macht.

Die Eltern hatten ihre Kinder noch nie auf dem Arm, sie können sie gerade mal so berühren. Sie nur in ihren großen Brutkästen beobachten.

Ich bin Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin auf einer Frühgeborenen- und Säuglingsintensivstation. Wenn ich das auf die Frage hin, was ich beruflich mache, antworte, höre ich sehr häufig diesen Satz:  „Oh, das muss ja so schön sein, den ganzen Tag die vielen süßen Babys …
 
Klar, es ist schön, aber es ist auch so schwer und hart.
Neues unschuldiges Leben, welches es so schwer bei seinem Start hat.
In Zimmer eins liegen zwei neugeborene Babys mit einer RSV– Infektion. Beide an Beatmungsgeräten angeschlossen. Die Eltern sind jede mögliche Minute bei ihnen hoffen und bangen auf die kleinste Besserung.
 
In Zimmer zwei liegt ein Neugeborenes, welches so starken Sauerstoffmangel unter der Geburt hatte, dass nun die Organe anfangen zu versagen. Auch hier hoffen die Eltern jeden Tag auf ein Wunder, welches nicht kommen wird. Wir versuchen die Eltern zu stützen, müssen aber gleichzeitig die Sterbebegleitung beginnen.
 

In Zimmer drei liegt ein Neugeborenes einer drogenabhängigen Mutter, welches unter so starkem Entzug leidet, dass es kaum mit anzusehen ist. Es schreit schrill, es zittert, es krampft. Hier kommen keine Eltern, dieses kleine Wesen hat nur uns, die Pflegekräfte und die Ärzte.

In Zimmer vier liegen drei Frühchen, Drillinge in der 26. Schwangerschaftswoche geboren. Alle drei sind intubiert und beatmet. Die Eltern am Boden zerstört, weil keiner genau sagen kann, ob es alle drei schaffen werden. Oder wenn sie es schaffen, mit welchen Einschränkungen muss gerechnet werden?
Keiner kann es sagen. Die Risiken bei solch früh geborenen Babys sind extrem hoch. Zwei von Drei haben bereits Hirnblutungen ersten und dritten Grades.
Die Eltern hatten ihre Kinder noch nie auf dem Arm, sie können sie gerade mal so berühren. Sie nur in ihren großen Brutkästen beobachten.
Jeden Tag verlässt die Mutter weinend die Station.
 

In Zimmer fünf liegt ein knapp ein Jähriges Mädchen mit starker Hirnblutung. Das Mädchen ist nur leicht auf den Kopf gefallen, hat aber nach der Geburt leider keine Vitamin K- Gabe erhalten, wodurch kaum Gerinnungsfaktoren gebildet werden konnten. Auf die Frage hin, wieso es keine Vitamin K- Gabe gab, antworteten die Eltern, sie wollen ihrem Kind keinen Müll verabreichen. Meines Erachtens nicht die beste Entscheidung.

Im letzten Zimmer liegt ein sechs Monate alter Junge, misshandelt von den Eltern. Knochenbrüche, Schädelbruch, Innere Blutung.

„Diese Art von Patienten sind hier leider nichts Besonderes oder Einzelfälle.“

Es ist der normale Alltag auf so einer Intensivstation.
Es ist jeden Tag unfassbar harte Arbeit. Wir kümmern uns nicht nur um die kranken Kinder, wir kümmern und auch um die Eltern.
Wir sind seelische Stützen, versuchen zu beraten und zu trösten und nebenbei ihre kleinen Babys gesund zu pflegen.
Wir begleiten Kinder in ihrem Sterbeprozess, sprechen mit der Kriminalpolizei um Beweise festzuhalten.
Pflegen, Dokumentieren, Arbeiten und versuchen dabei nicht alles zu sehr an uns ran zu lassen.

Ein schöner Job, für den ich mich immer wieder entscheiden würde

Aber wir haben uns für genau diesen Job entschieden, weil es was Großartiges hat zu sehen, wie die Kinder wachsen, immer gesünder werden und irgendwann das Krankenhaus verlassen.
Es sind viele sehr kranke Kinder und sehr harte Fälle, aber der Großteil dieser Kinder wird wieder gesund und darf nach Hause und das durch unsere Hilfe und der Hilfe der Ärzte.
 
Mich stört es oft sehr, dass viele denken, dass wir den ganzen Tag nur Füttern, Kuscheln und Windeln wechseln.
Aber leider ist das ein generelles Problem, welches die ganze Pflegebranche betrifft. Egal ob es um Kinderkrankenpflege, Altenpflege oder Krankenpflege geht, die Vorstellung ist bei vielen Menschen die gleiche: Wir wischen Ärsche ab und trinken Kaffee.
Was wirklich hinter dieser Arbeit steckt und wie hart es jeden Tag sein kann, wissen und verstehen wie gesagt die wenigsten.
 
Nicht nur die Krankheitsbilder und die Patienten machen den Beruf so hart, dazu kommt der Schichtdienst, der häufige Schichtwechsel und vor allem der Personalmangel.
Jeden Tag Wechsel von Spät auf Früh und Früh auf Spät, doppelt so viele Patienten betreuen wie man sollte und keine Pause, das ist unser Alltag.

Ich wünsche mir den Zivildienst in der Pflege zurück

Ich wünschte mir manchmal, dass jeder Mensch einmal in der Pflege tätig sein sollte. So wie den Zivildienst damals. Hier konnten viele junge Erwachsene sehen, wie es wirklich in einem Pflegeberuf ist und einige haben sich danach sogar für einen Beruf in der Pflege entschieden.

Es wird so viel von der Politik geredet, was alles getan werden müsste, aber im Grunde haben die Menschen, die da ganz oben in ihrem Parlament sitzen, doch keine Ahnung, wovon sie reden. Nur weil sie mal eine Intensivstation besucht haben?
Sie sollten mit so vielen Pflegekräften wie möglich sprechen und fragen, was diese sich wünschen und Ideen einholen, wie man dieses erreichen kann.

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